Value Based Engineering: Werte in digitale Systeme übersetzen

Modulares digitales Systemmodell auf vier Fundamentblöcken mit den Werten Transparenz, Privatsphäre, Fairness und Verantwortung als Grundlage verantwortungsvoller Systemgestaltung.

Zusammenfassung

Value Based Engineering, kurz VBE, erweitert die Business Analyse um die systematische Betrachtung individueller und gesellschaftlicher Werte. Neben funktionalen Anforderungen werden dabei Aspekte wie Transparenz, Privatsphäre, Gleichberechtigung oder Verantwortung berücksichtigt. Ziel ist es, relevante Werte früh zu identifizieren, Risiken zu untersuchen und daraus konkrete System- oder organisatorische Anforderungen abzuleiten. So können digitale Lösungen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch nachvollziehbar und verantwortungsvoll gestaltet werden.

Was ist Value Based Engineering?

Bei der Entwicklung eines digitalen Systems stehen meist Funktionen, Prozesse und technische Anforderungen im Mittelpunkt. Doch ein System beeinflusst immer auch Menschen, Organisationen und unter Umständen die Gesellschaft. Genau hier setzt Value Based Engineering an.

VBE ist eine methodische Vorgehensweise, mit der moralische und soziale Verantwortlichkeiten in die Gestaltung eines Systems einbezogen werden. Neben klassischen Requirements entstehen sogenannte Ethical Value Requirements, kurz EVRs. Sie beschreiben, wie relevante Werte im späteren System berücksichtigt oder geschützt werden sollen. Die Vorgehensweise orientiert sich am IEEE-7000-Standard und kann für unterschiedliche digitale Systeme eingesetzt werden – nicht ausschließlich für KI.

Warum Werte bereits bei der Entwicklung wichtig sind

Ein technisch korrektes System kann trotzdem unerwünschte Auswirkungen haben. Eine automatisierte Entscheidung kann beispielsweise schwer nachvollziehbar sein, bestimmte Nutzergruppen benachteiligen oder mehr Daten verarbeiten als für den eigentlichen Zweck notwendig wäre.

VBE soll solche Fragestellungen möglichst früh sichtbar machen. Risiken können untersucht werden, bevor sie tief in Architektur, Prozesse und Funktionen eingebaut sind. Gleichzeitig kann die bewusste Berücksichtigung von Werten Vertrauen schaffen und dazu beitragen, dass ein System nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch gesellschaftlich vertretbar gestaltet wird.

Kontext und Stakeholder verstehen

Der erste Schritt ähnelt in vielen Punkten einer klassischen Business Analyse. Zunächst wird betrachtet, in welchem Umfeld sich das geplante System bewegt und welche Personen oder Gruppen davon betroffen sind.

Dabei geht es nicht nur um direkte Nutzer:innen. Auch Mitarbeiter:innen, Betreiber, Entwicklungsteams, externe Systeme oder weitere gesellschaftliche Gruppen können relevante Stakeholder sein. Für diese Perspektiven wird untersucht, welche positiven oder negativen Auswirkungen eine Einführung oder Veränderung des Systems haben könnte.

Anschließend werden relevante Werte ermittelt, beispielsweise durch Workshops oder Interviews. Nicht jeder identifizierte Wert muss dieselbe Bedeutung besitzen. Werte können priorisiert werden, etwa anhand ihrer Relevanz für Stakeholder, Vorhaben oder Organisation.

Vier Stakeholder-Bereiche für Nutzer:innen, Organisation, Betrieb und Entwicklung sind mit einem zentralen digitalen Systemmodell verbunden und zeigen unterschiedliche Perspektiven auf das System.

Von abstrakten Werten zu konkreten Anforderungen

Begriffe wie Fairness, Transparenz, Privatsphäre oder Verantwortung wirken zunächst abstrakt. Entscheidend ist deshalb, sie so weit zu konkretisieren, dass daraus überprüfbare Anforderungen entstehen können.

Ist Transparenz besonders wichtig, könnte sich daraus ergeben, dass Nutzer:innen erkennen müssen, wann eine automatisierte Entscheidung stattfindet oder auf welcher Grundlage ein Ergebnis zustande kommt. Aus Privatsphäre könnten Anforderungen zur Begrenzung der erhobenen Daten entstehen. Verantwortung kann bedeuten, dass eindeutig geregelt sein muss, wer Entscheidungen überprüft oder bei kritischen Fällen eingreifen kann.

Solche Anforderungen müssen nicht ausschließlich technische Funktionen sein. Auch organisatorische Maßnahmen können entstehen, beispielsweise definierte Prüfprozesse, Schulungen oder festgelegte Verantwortlichkeiten. VBE erweitert damit den Blick von reinen Systemanforderungen auf die gesamte Nutzung und Organisation rund um ein digitales System.

Infografik zur Übersetzung der Werte Transparenz, Privatsphäre, Fairness und Verantwortung in konkrete technische und organisatorische Anforderungen.

Risiken und Schutzmaßnahmen systematisch betrachten

Nach der Ableitung von Ethical Value Requirements wird betrachtet, wodurch ein Wert trotz der geplanten Anforderungen verletzt werden könnte. Für ein solches Risiko werden anschließend geeignete Gegenmaßnahmen entwickelt.

Ein System könnte beispielsweise transparente Entscheidungen vorsehen, aber in bestimmten Situationen dennoch nicht ausreichend nachvollziehbar erklären, wie ein Ergebnis entstanden ist. Eine zusätzliche technische oder organisatorische Kontrolle kann dieses Risiko reduzieren.

So entsteht eine nachvollziehbare Kette: relevanter Wert, gewünschte Ausprägung, mögliche Gefährdung und konkrete Schutzmaßnahme. Dadurch werden ethische Überlegungen aus einer abstrakten Diskussion in überprüfbare Anforderungen überführt.

Dreistufige Darstellung von Wert, Risiko und Schutzmaßnahme mit einem Systembaustein, dessen erkannte Schwachstelle durch einen zusätzlichen Sicherheitsmechanismus abgesichert wird.

VBE möglichst früh einbinden

Besonders sinnvoll ist VBE zu Beginn beziehungsweise in der Konzeptionsphase eines Vorhabens. Werden Werte und daraus entstehende Anforderungen erst berücksichtigt, wenn das System bereits weitgehend entwickelt ist, können notwendige Änderungen deutlich aufwendiger werden.

Die Ergebnisse lassen sich in bestehende Artefakte der Business Analyse und Produktentwicklung integrieren. Je nach Vorgehensmodell können daraus Anforderungen in einem Lastenheft, Epics, Features oder User Stories entstehen. VBE muss deshalb keinen vollständig getrennten Prozess bilden, sondern kann die vorhandene Anforderungsanalyse um eine zusätzliche Perspektive ergänzen.

Nachvollziehbarkeit und Vertrauen

Ein weiterer Vorteil liegt in der Dokumentation. Entscheidungen über Werte, Risiken und Gegenmaßnahmen werden nachvollziehbar festgehalten. Dadurch lässt sich später besser erklären, warum bestimmte Anforderungen entstanden sind und wie ein Risiko adressiert wurde.

Für KI-Systeme existieren darüber hinaus Ansätze für unabhängige Prüfungen und Zertifizierungen, bei denen definierte ethische Kriterien und entsprechende Nachweise betrachtet werden.

Fazit

Value Based Engineering erweitert die Frage „Was soll das System können?“ um eine zweite Perspektive: „Welche Auswirkungen soll das System auf Menschen und Organisationen haben – und welche nicht?“

Durch Stakeholderanalyse, Werteermittlung, Priorisierung und die Ableitung konkreter Ethical Value Requirements können ethische und gesellschaftliche Aspekte bereits während der Konzeption berücksichtigt werden. Risiken werden früher sichtbar und können gezielt durch technische oder organisatorische Maßnahmen adressiert werden.

Wir bei Aschauer IT & Business GmbH betrachten VBE deshalb als sinnvolle Ergänzung einer umfassenden Business Analyse. Ziel ist es, Anforderungen nicht nur aus Funktionen und Prozessen abzuleiten, sondern auch die Werte der betroffenen Menschen und Organisationen einzubeziehen. So entstehen digitale Lösungen, die technisch überzeugen und zugleich nachvollziehbar und verantwortungsvoll gestaltet sind.

Wenn ihr Fragen habt oder mehr über konkrete Einsatzmöglichkeiten erfahren möchtet, nutzt bitte den unten angelegten Kontaktbereich. Wir unterstützen euch gerne bei eurem Vorhaben.

Lukas Rohm

Geschäftsführer

Von Insights zu konkreten Lösungen.

Was Sie in unserem Blog lesen, setzen wir täglich in Projekten um. Lassen Sie uns gemeinsam Ihre Ideen weiterentwickeln und erfolgreich realisieren.

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